Termine
Donnerstag, 25.08.2016 16:00 Uhr
pic
Mülheim an der Ruhr
und sonst
Büchercafé und Kleiderladen
Freitag, 26.08.2016 15:00 Uhr
Mülheim an der Ruhr
und sonst
Café für Senioren
Freitag, 26.08.2016 18:00 Uhr
pic
Mülheim an der Ruhr
und sonst
„Die Bibel tanzen“ – meditative Andacht mit Tanz
mehr
Gottesdienste

Jeden Sonntag und an vielen anderen Tagen wird in den Gemeinden Gottesdienst gefeiert. Die nächsten Termine finden Sie hier.

mehr
Kirchengemeinden
Kirchengemeinden mehr
Losung

für den 25.08.2016

Meine Lippen und meine Seele, die du erlöst hast, sollen fröhlich sein und dir lobsingen.

Psalm 71,23

mehr
Service

Reformation und Politik

Wenn Bibelworte politisch wirken

Persönliche Erinnerungen an die Wendezeit und eine theologisches Resümee des Bibelgebrauches seit Luthers Zeiten erfuhren die ZuhörerInnen von Prof. Franz-Heinrich Beyer in der Immanuelkirche.

„Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete“, so sah die von den Kirchen mitgetragene friedliche Revolution in der DDR aus den Augen eines SED-Funktionärs aus. Das Evangelium entfaltete in den Monaten der Wende seine eigene Wirkung. Wie das geschah, vermittelte Prof. Franz-Heinrich-Beyer in seinem Vortrag „Schwerter zu Pflugscharen oder: Wenn Bibelworte politisch wirken“ in der Immanuelkirche. Die Lukaskirchengemeinde hatte zu der Veranstaltung im Rahmen des Themenmonats „Reformation und Politik“ eingeladen.

Wie Bibelworte unmittelbare Tragkraft entfalteten, das hatte Prof. Beyer im Herbst 1989 als Gemeindepfarrer in der Nähe von Rostock erlebt. Die persönlichen Erfahrungen des Zeitzeugen waren es, die die Zuhörerinnen und Zuhörer in der Immanuelkirche besonders fesselten. „Es war ein spezieller Kairos in dieser Zeit. Wir haben erlebt, dass Bibelworte nicht erst mühsam aktualisiert werden mussten. Manche Tageslosung erschien, als wäre sie unmittelbar für uns ausgewählt“, berichtete Prof. Franz-Heinrich Beyer.
Vom Oktober 1989 an bot Pfarrer Beyer in Rostock „Gottesdienste zur gesellschaftlichen Veränderung“ an. „Zuerst kamen 600, dann waren es 3000 und schließlich haben wir die Andachten in drei Kirchen parallel gehalten“, erinnerte er sich. „Für manch einen, der dort teilnahm, war die liturgische Gestaltung und der Bibelbezug bestimmt ungewohnt oder merkwürdig. Und doch hat beides zur Gewaltfreiheit beigetragen“. Nach der dritten Andacht begab es sich zum ersten Mal, dass die Teilnehmenden im Anschluss mit Kerzen zum Friedensmarsch vor die Kirchtüren traten.

Ein „Gefühl von Ängstlichkeit“ war dabei, erinnert sich der Theologe 25 Jahre danach in der Styrumer Immanuelkirche. „Wir wollten unbedingt, dass es gewaltfrei blieb. Dabei wussten wir, dass auch Stasi-Leute in den Andachten waren, und wiederholten deshalb unsere Ermahnungen: ,Lasst euch nicht provozieren, keine Gewalt‘.“ Das gelang den Rostockern und der friedliche Schlachtruf schaffte es im ganzen Land auch auf die Straßen.

Grafik: friedensdekade.de Grafik: friedensdekade.de

„Schon für Luther war das Evangelium ein ,Geschrei von Gottes Barmherzigkeit‘“, erinnerte der Theologe in seinem Vortag. Und so entfalteten Bibelworte in der DDR nicht erst in den Wendemonaten politische Wucht. Die Friedensbotschaft „Schwerter zu Pflugscharen“ aus dem Buch Micha wurde schließlich ikonografisch für die Friedens- und Protestbewegung der DDR. Das Bild mit dem kräftigen Helden, der ein Schwert zum Ackergerät umschmiedet, war auch jedem Zuhörer in der Immanuelkirche gut bekannt.

Die Karriere dieses biblischen Friedenssymbols begann am Buß- und Bettag 1980 in der DDR. Dort hatten evangelische Jugendgruppen das Bild für eine Einladung zur Andacht zum Ende einer internationalen Friedensdekade verwandt. Gedruckt wurde es als Lesezeichen auf einem Vlies. „Das galt dann als Textilveredelung und brauchte keine Druckgenehmigung“, erfuhren die Vortragsgäste in der Immanuelkirche. Der Friedens-Schmied fand sich als Aufnäher nach und nach auf immer mehr Jacken und auf Rucksäcken von meist jungen DDR-Bürgern wieder. Nicht nur friedensbewegte Christen, sondern auch viele andere, die ihren Protest gegen den Staat ausdrücken wollten, verwandten das Bild mit den Micha-Worten. Das Symbol verselbstständigte sich und ähnlich wie später im Wendeherbst hatten es die Kirchen „zunehmend schwerer, den Protest im selbst gesteckten Rahmen zu halten.“

Der Rahmen der Gottesdienste zur Wendezeit wurde schon bald wieder kleiner . Kaum waren die stürmischen Wendemonate vorbei, fanden die Bürgerinnen und Bürger mit den neuen Freiheiten kaum noch den Weg in die Andachten. Im Februar 1990 wurden die „Gottesdienste zur gesellschaftlichen Veränderung“ eingestellt. „War das nicht enttäuschend für Sie als Pfarrer?“, wollten die Styrumer vom Referenten wissen. „Uns war klar, dass die Kirchen nach 1989 nicht voller werden würden, “ blickte Prof. Beyer zurück. „Das war eine Aufgabe auf Zeit“, beschreibt er die besondere Situation - und kann mit dieser Einordnung gut leben. „Ein solches Geschehen ist mit Sicherheit nicht wiederholbar“, resümierte der Theologe. „Aber die Erinnerung währt auch noch 25 Jahre danach. Und insbesondere 500 Jahre nach Luther, ist es etwas wert, sie wieder wachzurufen.“

 

 

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

ala / 03.11.2014



© 2016, Evangelischer Kirchenkreis an der Ruhr
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung