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Ökumenische Telefonseelsorge

Anrufe spiegeln die Gesellschaft

Ein Blick in den nun vorgelegten Jahresbericht der ökumenischen Telefonseelsorge ist auch ein Blick auf den Zustand der Gesellschaft. Im Berichtsjahr gab es über 20 000 Anrufe. Oft geht es um Einsamkeit, Niedergeschlagenheit oder psychische Krankheit.

Olaf Meier, Leiter der Telefonseelsorge Olaf Meier, Leiter der Telefonseelsorge

„Hier ist die Telefonseelsorge, möchten Sie mit mir sprechen? Hier ist immer jemand.“ So beantwortet ein ausgebildeter Telefonseelsorger einen Schweigeanruf. Am anderen Ende der Leitung atmet jemand, sagt aber nichts. Vielleicht hat ihn der Mut verlassen. Auch wenn er noch fünfmal anruft, ohne etwas zu sagen, bleibt die Antwort freundlich, respektvoll, ohne Druck. Die Botschaft: ‚Hier ist jemand. Aufmerksam, bereit zuzuhören, darauf kann man sich verlassen.‘

Ein Blick in den nun vorgelegten Jahresbericht der ökumenischen Telefon-seelsorge Duisburg-Mülheim-Oberhausen ist auch ein Blick auf den Zustand der Gesellschaft. Im Berichtszeitraum August 2012 bis Juli 2013 registrierte die Telefonseelsorge über 20 000 Anrufe. Inzwischen nutzen mehr als 70 Prozent der Anrufer ein Mobilfunknetz.

Die Zahl der Anrufer, die alleine leben, wächst. Einsamkeit, psychische Krankheit, Niedergeschlagenheit sind zentrale Themen. In etwa drei Prozent der Gespräche geht es um freudige Erlebnisse. Wie einsam man ist, merkt man besonders, wenn einem etwas Schönes begegnet und es ist niemand da, dem man es erzählen könnte. „Solche Anrufe bekommen wir vor allem von Menschen, die sich regelmäßig melden. Für die sind wir ein Stück Au-ßenwelt“, sagt der Leiter der Duisburger Telefonseelsorge Olaf Meier. Zwei Drittel der Anrufe kommen von Frauen. „Das ist eine stabile Zahl“, sagt Meier, „Nur kurz nach der Einführung der Mailseelsorge nutzten mehr Männer als Frauen den neuen Kanal, inzwischen haben die Frauen da nachgezogen.“ Meier vermutet, dass Frauen Gespräche über ihre Probleme eher als sinnvoll betrachten. Männer scheinen sich oft schwerer zu tun, das auszusprechen, was sie bewegt.

Die Nutzer der Mailseelsorge sind im Schnitt jünger als die Anrufer. Das hat auch Einfluss auf die Themen der Mails. Beziehung, Ehe und Partnerschaft stehen hier an erster Stelle. Aber auch psychische Krankheiten und Depressionen werden häufig erwähnt. Die Telefonseelsorge und die angeschlossene Krisenbegleitung von Angesicht zu Angesicht, leisten damit einen wachsenden Beitrag zur gemeindenahen psychosozialen Versorgung. Therapieangebote sind in vielen Ruhrgebietsstädten rar, die Wartezeiten sind für Betroffene quälend lang.

Bundesweit steigt die Zahl der Selbsttötungen zum ersten Mal seit zehn Jah-ren wieder an. Die Leiterin der Krisenbegleitung Rosemarie Schettler erlebte kürzlich großes Interesse an einem in einer Buchhandlung eingerichteten Büchertisch zum Thema „Literatur und Suizid“. An den Tisch in der Buchhandlung trauten sich auch diejenigen, die aus eigenem Antrieb nie nach Büchern über das immer noch tabuisierte Thema fragen würden.

Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr gebührenfrei zu erreichen unter 08001110111 und 08001110222.

 

 

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Text und Foto: Sabine Merkelt-Rahm / 04.04.2014



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