Gottesdienste

Hier finden Sie die Gottesdiensttermine in unseren Kirchengemeinden. Bitte helfen Sie mit, die nötigen Regeln zum Infektionsschutz einzuhalten.

mehr
Donnerstag, 11. November, 00.00 Uhr
Spendenaktion für die Mülheimer Tafel
Gemeindehaus Speldorf-Mitte
Donnerstag, 2. Dezember, 19.00 Uhr
Werktags-Evensong
Petrikirche
Freitag, 3. Dezember, 17.00 Uhr
Adventscafé
Petrikirchenhaus

 

> Alle Termine anzeigen

Kirchengemeinden
Kirchengemeinden mehr
Losung

für den 02.12.2021

Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute! Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen.

Jesaja 51,4

mehr
Service

Ev. Familienbildungsstätte

Stressfaktor Gruppenbetreuung

Politisch gewünscht, aber in der Praxis durchaus kritisch, so beurteilt Kinderneurologe Dr. Böhm die Betreuung der Allerkleinsten in Krippen und KiTas und bot so brisanten Diskussionsstoff beim pädagogischen Fachtag in der Ev. Familienbildungsstätte.

Schwer verdauliche Studienergebnisse präsentierte Dr. Rainer Böhm, Leiter des sozialpädiatrischen Zentrums in Bielefeld-Bethel, den Praktikerinnen und Praktikern beim Pädagogischen Fachtag in der Evangelischen Familienbildungsstätte Mülheim. Rund 90 Sozialpädagoginnen, Erzieherinnen, Tagespflegepersonen und pädagogisch Interessierte waren zur Fachveranstaltung mit Expertendiskussion in die Einrichtung des Mülheimer Kirchenkreises gekommen.

Die Gruppenbetreuung Unter-Dreijähriger ist ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor für deren soziale und emotionale Entwicklung. Diese These vertrat der Bielefelder Kinderneurologe anhand verschiedener Studienergebnisse. Die Stressfaktoren in der Gruppenbetreuung für Unter-Zweijährige seien stärker als bekannte Risikofaktoren wie Armut, Trennung der Eltern oder alleinerziehende Eltern. Früh in Gruppen betreute Kinder zeigten geringere Sozialkompetenz und ein schwierigeres Konfliktverhalten als Zwei- und Dreijährige, die von den Eltern betreut wurden. Auch das Argument „Das wächst sich doch aus“, ließ der Kinderarzt nicht gelten. Längsschnittstudien zeigten bei früh betreuten Kindern eine schlechtere Gesundheit, höhere Kriminalitätsrate und geringere Lebenszufriedenheit auch noch im Erwachsenenalter.

Hinzu komme ein abnormer Cortisolspiegel während der Tagesbetreuung. In der Regel fällt die Konzentration des Stresshormons über den Tag hinweg ab. Bei Kleinkindern in Gruppenbetreuung wurden steigende Werte gemessen.

Aus den Studienergebnissen gewinnt der Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums in Bielefeld Bethel eigene Empfehlungen für die Praxis: Keine Gruppenbetreuung für Unter-Zwei-Jährige, für Zwei- bis Dreijährige fordert er ein Betreuungsverhältnis von eins zu vier in einer Gruppengröße von maximal acht bis zwölf Kindern. Außerdem gelte es, Eltern in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken. „Der Einfluss der Eltern ist nicht zu toppen“, auch das zeigten Studienergebnisse aus der Bindungsforschung. Daher forderte Dr. Böhm Elterntrainings, Begleitung durch Hausbesuche und mehr Angebote in der Erziehungs- und Entwicklungsberatung. Er schlug ein „18 : 18“-Modell, anderthalb Jahre Betreuung durch die Mutter, dann anderthalb durch den Vater, für Unter-Drei-Jährige vor.

Gesetz sind die „Bielefelder Empfehlungen“ zur Gruppengröße und Elternunterstützung noch lange nicht. „Dazu gibt es zu viele verschiedene Meinungen von Gutachtern“, räumte Referent Dr. Rainer Böhm ein, der 2012 auch als Sachverständiger für den Familienausschuss des deutschen Bundestages tätig war. Kritiker zweifelten bisweilen auch an der statistischen Aussagekraft der zitierten Studien.

Mit Erfahrungen und Impulsen aus der Praxis bereicherten die rund 90 Teilnehmenden die anschließende Gesprächsrunde. „Ich beobachte Zweijährige, die sich offensichtlich sehr wohl fühlen in der Gruppenbetreuung“, berichtete eine Teilnehmende. Die Studien widerlegten nicht, dass die Betreuung individuell funktionieren könne. „Generell haben wir aber das Problem, das unser jetziges System zu sehr ausgerichtet ist auf diejenigen Kinder, die sehr resilient sind und die Vieles ,abkönnen‘.“

Andere sahen nicht nur die Kinder im Stress: „Eltern stehen durchaus unter einem gewissen Druck, ihre Kinder schon für den U3-Bereich anzumelden, weil sie später möglicherweise keinen Platz mehr bekommen“, schilderten die Praktikerinnen aus den KiTas die Bedingungen, unter denen sie arbeiten.
Weitere Aspekte trugen einige Expertenstatements bei. Dr. Franz Maurer, Leiter der Ev. Beratungsstelle für Erziehungsfragen im Kirchenkreis an der Ruhr, brachte es auf die Formel: „Bindung kommt vor Bildung“. „In unserer Arbeit beobachten wir, wie bedeutsam die Balance zwischen der Neugier des Kindes und seinem Sicherheitsbedürfnis ist. Wenn Kinder durch die Situation in der Betreuung überfordert sind, brauchen sie umso mehr Sicherheit. Das beste Förderprogramm nutzt also nichts, wenn die emotionalen Rahmenbedingungen nicht stimmen.“

Um diese Balance zu halten, könne man mit den Allerkleinsten oft nicht „nach Plan“ arbeiten, ergänzte Verena Heringer, Geschäftsführerin von „Kita-Support“ aus Duisburg. „Wir müssen uns auf den Takt der Kinder einlassen, das heißt oft: langsamer arbeiten, den Kindern helfen, ihren Stress abzubauen und feinfühlig auf ihre Bedürfnisse einzugehen.“

Viel Zustimmung der anwesenden Praktikerinnen erntete nicht zuletzt Dagmar Niederlein, Leiterin des Jugendamtes Ratingen, die den Stress der Erzieherinnen in den Blick nahm. „Die Erzieherinnen müssen oft Politiker-Ideen umsetzen, noch ehe sie zu Ende gedacht sind. Wir brauchen mehr Besonnenheit und Hingabe zum Kind, statt jedes Konzept umzusetzen, das gerade auf den Markt getragen wird.“

 

 

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

ala / 04.03.2016



© 2021, Evangelischer Kirchenkreis an der Ruhr
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung